Der Auftritt des Deutsche-Bank-Vorstands Stephan Leithner im Bundestag war gestern ohne Zweifel einer der wichtigsten Termine des Tages für die deutsche Wirtschaftspresse. Unter anderem deshalb, weil die Parlamentarier eigentlich Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain eingeladen hatten. Der aber schickte lieber seinen für Recht und Compliance zuständigen Vorstandskollegen – und gab damit Josef Ackermann eine Steilvorlage, um gegen seinen Nachfolger nachzutreten.
Kurios ist, dass der Wirbel um Jain offenbar dazu führte, dass die deutsche Presse kollektiv die beiden wirklich interessanten Neuigkeiten des gestrigen Leithner-Auftritts verpasst haben. Die einzigen, die wirklich zuhörten, waren anscheinend die Korrespondenten der britischen Financial Times.
Die berichten heute als Aufmacher in Unternehmensteil unter der Überschrift “Deutsche makes provision for Libor costs”, dass die Bank zum ersten Mal öffentlich eingeräumt hat, Rückstellungen für mögliche Strafen im Rahmem möglicher Libor-Manipulationen gebildet zu haben:
“Deutsche Bank has made financial provision for a possible settlement with regulators over allegations that employees were trying to rig the Libor interest rate, a bank board member told a German parliamentary hearing on Wednesday.
The testimony by Stephan Leithner, Deutsche’s board member for legal affairs and compliance, marks the first time the eurozone’s largest bank by assets has formally acknowledged it has set aside money for a settlement related to the setting of the London Interbank Offered Rate.”
“Das Geldinstitut habe wie in seinen Geschäftsberichten dargelegt jedoch angemessene Rückstellungen gebildet.”
Da ich gestern nicht in Berlin war und das Parlamentsfernsehen des Bundestags das so genannte Fachgespräch leider nicht im Internet übertragen hat (man konzentrierte sich lieber auf die wirklich wichtigen Dinge wie die Sitzung des Agrarausschusses), weiß ich nicht aus erster Hand, was wirklich in Berlin gesagt wurde.
Eine Nachfrage bei der Deutschen Bank ergab, dass die Darstellung der britischen FT den Fakten entspricht. Leithner habe betont, dass die Bank nicht mit Schadensersatzforderungen in Sachen Libor rechne, dass sie aber angemessene Rückstellungen für Strafen gebildet habe, die aus aufsichtsrechtlichen Verfahren entstehen könnten. Es sei das erste Mal, dass dies öffentlich gemacht wurde – im Zwischenbericht für das dritte Quartal wird auf Seite 70 nur recht allgemein über die Libor-Vorwürfe berichtet. Konkrete Zahlen habe Leithner in Berlin allerdings nicht genannt.
Ein alter Witz unter Blattmachern lautet: “Ach, das haben wir gestern übersehen? Macht nichts, dann machen wir dazu heute eben zwei Sonderseiten.” Ich bin sehr auf die morgigen Ausgaben von Handelsblatt und FAZ gespannt.

