Wiedeking, Staatsanwälte und die FAZ

(Wichtiger Hinweis: Bitte beachten Sie die Updates am Ende des Posts. Die ganze Sache ist ein bisschen anders gelagert, als ich anfangs vermutet hatte.)

Blattmacher:  ”Hat jemand noch irgendeine Idee für ‘Menschen und Wirtschaft’? Wir haben noch riesen Löcher.”

Redakteur:  ”Guck mal im Stehsatz. Da liegt doch noch  irgendwo das Stück über Wiedeking und seine neue Pizzakette.” 

Dieser Dialog dürfte sich so oder so ähnlich gestern in der Hellerhofstraße im Frankfurter Gallusviertel abgespielt haben.

Die  Kollegen in Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  hatten gestern  offenbar auf ihrer  Namensseite akute Themennot – und kramten ganz tief in ihrem Stehsatz.

Darin fand sich zum Glück  ein Text über einen Auftritt des Ex-Porsche-Boss Wiedeking in Ludwigshafen, bei dem er  seine neue Restaurant-Kette “Tialini” vorstellte. Das ist offenbar inspiriert von “Vapiano”, eine gehobene Schnellrestaurant-Kette für Pizza und Pasta (die ich nicht besonders mag).

Der Text “Von Porsche zu Pizza” ist  ganz nett geschrieben, in hübschen Plauderton. In der Mitte der zweiten Spalte findet sich dann folgende Passage:

 ”Es dauert eine Weile, bis jemand die Frage nach den staatsanwaltlichen Ermittlungen stellt. Wiedeking ist vorbereitet, fast froh. Er gehe davon aus, dass es nicht zu einer Anklage komme, sagt er. Das Verfahren sei in sich zusammengefallen.”

Hm….

Ich habe  sicherheitshalber zweimal  geprüft, ob ich wirklich die FAZ-Ausgabe vom 8. Januar auf meinem iPad aufgerufen habe.

Denn: Am 19. Dezember teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit, dass sie gegen den ehemaligen Vorstand von Porsche Anklage erheben wird.

Früher, als ich klein war, gab  noch ein FAZ-Schwesterblatt namens “Blick durch die Wirtschaft”, das als “Blick durch den Stehsatz” verspottet wurde. Das Blatt wurde vor Jahren eingestellt – und in die FAZ integriert.

Update: Oder kam der FAZ-Artikel doch nicht aus dem Stehsatz? Die Ludwighafener Bild-Zeitung berichtete gestern:

“Heute präsentierte der Unternehmer seine neue Italo-Gastrokette „tialini“ in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz).”

Dann machen aber Wiedekings Aussagen zum Ermittlungsverfahren überhaupt keinen Sinn…

 Update II: Inzwischen hat ein PR-Kollege, der vor Ort dabei war, dankenswerswerter Weise geholfen, den Sachverhalt aufzuklären. Auf Facebook kommentierte Volker Siegert:

“Lieber Olaf, hier kann ich aufklärend beitragen und der FAZ die Ehre retten: Gestern gab es eine Pressekonferenz im Restaurant in Ludwigshafen, darüber hat der Redakteur tagesaktuell berichtet. Und die Frage nach den Ermittlungen wurde Wiedeking tatsächlich gestern gestellt, so beantwortet und die Sache wurde korrekt wiedergegeben. Also nix mit Stehsatz.”

Hm…

Einerseits ist es gut  zu wissen, dass die Texte in der FAZ frischer sind, als sie vielleicht machmal auf den ersten Blick wirken. Für die Vermutung, aus Versehen einen alten Text gedruckt zu haben, ohne ihn zu aktualisieruen, muss ich mich bei den FAZ-Kollegen daher entschuldigen (vor allem für meinen  missverständlichen Tweet bei Twitter, der meine Vermutung als Tatsache darstellte und Gerald Braunberger auf die Zinnen brachte. Habe diesen Tweet inzwischen gelöscht). Ich habe daher auch den Titel des Blogposts, der ursprünglich “ Wiedeking, Staatsanwälte und der Stehtsatz der  FAZ” lautete, geändert.

Andererseits aber ist es ziemlich ernüchternd, dass die versammelte Journallie in Ludwigshafen sich so von Wiedeking täuschen ließ und er mit so einem Trick durchkommt. Wie kann es sein, dass  kein Kollegen mitbekommen, der vor Ort war, mitbekommen hat, dass die Entscheidung zur Anklage  gegen Wiedeking am 19. Dezember gefallen ist? (Darüber wurde damals ja nun wirklich breit berichtet.) Und wie kann es sein, dass sowas bei der führenden überregionalen Tageszeitung des Landes auch noch unwidersprochen ins Blatt kommt?

 Update III:

Offenbar war es doch noch ein bisschen anders. Volker Siegert hat inzwischen  seine Antwort auf Facebook präzisiert. Er schreibt:

“Die Frage lautet in der Tat nicht, ob die Anklage erhoben wird, sondern ob das Gericht sie zulässt. Du Adlerauge.”

Im FAZ-Artikel wird also nur die Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft und die Entscheidung des Gerichts darüber, ob die Anklage angenommen wird, verwechselt. Sowas ist extrem ärgerlich,  passiert aber leider. (In meinem ersten Artikel, den ich als Journalistenschüler für die “Zeit” geschrieben habe, habe ich aus einem Generalanwalt einen Generalstaatsanwalt gemacht – ein Fehler, über den ich mich bis heute gräme.)

Wie ich aus eigener Recherche weiß, halten es die meisten Insider allerdings  für absolut unwahrscheinlich, dass das  Gericht die Anklage gegen Wiedeking und Co.  tatsächlich ablehnt.

 

1 Kommentar

Veröffentlicht in Allgemein

Ein Kommentar zu Wiedeking, Staatsanwälte und die FAZ

  1. Hi,

    vll. ist die Einstellung des Verfahrens in Amerika gemeint?

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>