Irritierende Sonntagslektüre: Hitlers Uhr, Brüderles Kuh

Der Sonntag morgen beginnt für mich neuerdings immer mit dem Blick in den neuen “Spiegel” und die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”. Dank iPad kann ich beide Blätter auch in London ohne Zeitverzögerung lesen.

Heute war ich gleich zweimal irritiert. Zuerst vom “Spiegel”.

“Hitlers Uhr”

In der  Titelgeschichte geht es in der neuen Ausgabe um von Nazi-Deutschland geraubte Kunst- und Wertgegenstände und die Frage, wie die Bundesrepublik mit diesem Vermächtnis umgeht. Kein uninteressantes Thema. Aber was schreibt der Spiegel auf sein Cover?

“Hitlers Uhr. Deutschlands Geheimnis”.

An sich ist das schon ziemlich dadaistisch. Oder, wie der Kollege  Sebastian Christ bei Facebook treffend kommentierte:

“Habe ich immer noch Fieber, oder geht es auf dem Spiegel-Titel wirklich um “Hitlers Uhr”?”

Noch bizarrer wird es, wenn man anfängt die Geschichte zu lesen. Dort geht es auch direkt im Einstieg um diese Uhr, die sich mit der Inventarnummer 471/96 in der Münchener Pinakothek der Moderne befindet – “registriert als ‘Nachlass Eva Hitler, vorm. Eva Braun”.

Hitler hat diese Uhr im Februar 1939 seiner Lebensgefährtin Eva Braun zum Geburtstag geschenkt. Also handelt es sich nicht um Hitlers Uhr, wie der “Spiegel” auf seinem Titel behauptet, sondern um Eva Brauns Uhr. (“Spiegel Online” schreibt das interessanterweise auch so , danke für Sebastian Christ an diesen Hinweis.)

Und als Beispiel für Beute-Kunst, die die Bundesrepublik in ein moralisches Dilemma stürzt, taugt sie meiner Meinung auch nur sehr begrenzt, wurde sie doch sieben Monate vor Kriegsanfang verschenkt. Hinweise darauf, dass die Uhr oder die Brillanten und das Platin irgendwie geraubt wurden, gibt es in der “Spiegel”-Geschichte jedenfalls keine.

Ich halte die Präsentation der Geschichte auf dem Spiegel-Titel für ein schönes Beispiel für die Probleme des deutschen Magazin-Journalismus, der leider ziemlich boulevardesk und effekthascherisch geworden ist.

Eine These oder eine Überschrift muss möglichst knallig sein – ob sie inhaltlich stimmt, ist eher unwichtig. “Im Grunde erzählst du moderne Märchen, die mit der Wirklichkeit oft nur wenig zu tun haben”, sagte mir schon vor rund 15 ein Freund, nachdem er ein Praktikum bei einem führenden deutschen Magazin machte.  (Diese Tendenz hat inzwischen leider auch manche Tageszeitungen in Deutschland erfasst…)

 Von anderen Magazin-Kollegenhabe ich öfter den leicht resignierten Ausspruch gehört: “Das Leben ist halt keine Magazingeschichte.” Und wenn einem Blattmacher gar nichts mehr einfällt – Hitler zieht immer.

Brüderles Kuh

Nicht minder irritiert war ich, als ich nach dem “Spiegel” die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” las. Auf der Titelseite schreibt das Blatt zur Brüderle-Sexismus-Debatte:

“Der Besitzer der Kuh, über deren Euter sich Brüderle ausgelassen hatte, nahm ihn ebenfalls in Schutz. Die Kuh habe keinen Schaden davon getragen, sagte der Bauer Olaf Holling der F.A.S.”

Wahrscheinlich finden die Kollegen das komisch und haben sehr gelacht, als sie diese Sätze geschrieben haben.

Sicherlich kann man viel darüber diskutieren, ob die Art und Weise, wie die “Stern”-Kollegin Laura Himmelreich über ihre Begegnung mit Brüderle berichtet hat, angemessen, fair und professionell war (ich würde sagen: eher nein) – und vor allem darüber, wie Himmelreichs Kollegen die Geschichte dann bei Stern.de überverkauft haben.

Dass die F.A.S. die richtige und wichtige Debatte über Sexismus im Alltag in einem nachrichtlichen Text auf ihrer Titelseite so sehr ins Lächerliche zieht, macht mich allerdings einfach nur sprachlos. Ich halte das für respektlos gegenüber Laura Himmelreich und allen, die sich mit ernsthaften Beiträgen an der Debatte beteiligt haben.

Das Zitat von Holling ist was fürs Kabarett, aber nicht für einen nachrichten Artikel auf der Titelseite der vermutlich besten deutschen Sonntagszeitung. Natürlich hat nie jemand ernsthaft befürchtet, dass die Kuh durch Brüderles angebliche  Bemerkung (“Ey, guck mal, der Euter. Der hängt ganz schön. Das ist Körbchengröße 90 L.”) Schaden nimmt.

Liebe FAS, die relevante Frage ist die: Ist es für Frauen entwürdigend, wenn ihr Busen mit dem Euter einer Kuh verglichen wird? (ich würde sagen: ja).

Diese Frage verdient es, ernsthaft diskutiert zu werden, statt sie mit zotigem Altherren-Humor auf Furzkissen-Niveau zu übergießen.

 

1 Kommentar

Veröffentlicht in Allgemein

Ein Kommentar zu Irritierende Sonntagslektüre: Hitlers Uhr, Brüderles Kuh

  1. Johann Grabner

    Am Ende ist der Artikel überaus erhellend:

    “Auch Laura Himmelreich hat damals am Esszimmertisch gesessen.
    Die Hollings erinnern sich noch daran, dass sie um ein Glas Kuhmilch gebeten und es auch bekommen habe. Ihr Umgang mit Brüderle sei freundlich gewesen. Nach etwa zwei Stunden ist der FDP-Politiker zum nächsten Termin aufgebrochen. Himmelreich hat sich zu ihm in den Dienstwagen gesetzt, gut zwei Monate nach dem Vorfall
    in der Hotelbar. Sie hatte Gründe dafür: keinen Führerschein zum
    Beispiel. Auch hatte sie sich von Brüderle, wie der „Stern“ mitteilt,
    zu keiner Zeit sexuell belästigt gefühlt, schon gar nicht bedroht. Hinzu kommt, dass Journalisten oft mit Politikern im Dienstwagen fahren,
    um näher an sie heranzukommen.”

    Wenn das so stimmt, dann stinkt der Artikel des Stern noch mehr als er es schon bisher tat. Dann ist es wirklich nur ein kalkuliertes Anpatzen eines Politikers.

    der Rest ist einfach nur lustig, etwa:

    “Die Größe des Euters variiert, das kommt bei der Suche nach der richtigen Kuh erschwerend hinzu. Sie ist abhängig vom Laktationsstand, von den Genen, von der Anzahl der Kalbungen. Das sei wie bei einer Frau, sagt Holling. Da seien die Brüste in jungen Jahren auch stramm und knackig und leierten über die Jahre aus. Ein ziemlicher Vergleich?”

    Aber Humor ist natürlich subjektiv. “Frau Holling liest die Hotelbar-Passage, schmunzelt. Sexistisch finde sie das nicht, eher witzig, sagt sie. Es sei doch „nett“, wenn Brüderle die Brüste der Journalistin gelobt habe. „Besser so als anders.“

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